Der Steuereintreiber im Monsterwald (Teil 5)

Nicht wenige Gelehrte haben im Lauf der Jahre die Monster im Mydwald erforscht und in Verzeichnissen erfasst. Das bekannteste dieser Verzeichnisse ist das »Vollständige und umfassende Verzeichnis der Monster, Wesenheiten und nicht menschlichen Bewohner des Mydwalds« von Pedro Wikaja, das 87 Kategorien und 215 Unterkategorien von Monstern enthält.

Für alle, die weniger an wissenschaftlicher Genauigkeit und mehr am Überleben interessiert sind, reicht es, die Monster in zwei Kategorien einzuteilen: Monster vor denen man weglaufen sollte, und Monster vor denen man wirklich schnell weglaufen sollte.

Gregorius Graubart, Professor für narrative Historik


Wie von Waldrun vorausgesagt fand Emma schon bald olfaktorische und visuelle Belege dafür, dass Edgar, und wohl auch Klaas, den Fällerpfad vor nicht allzulanger Zeit benutzt hatten. Emma folgte dem Pfad und den Spuren bis sie an eine Stelle kam an der sich das Rascheln der Blätter und die Geräusche der Zweige, die im Wind aneinander rieben, fast wie Gelächter anhörten. Jemand, der nicht mit dem Mydwald vertraut war, hätte das kurz kurios gefunden, höchstwahrscheinlich wäre es ihm aber nicht einmal aufgefallen. Emma blieb stehen, schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihr Gehör bis sie die Richtung, aus der das Geräusch kam, ausgemacht hatte. Sie ging ein paar Schritte in den Wald hinein und sagte: »Sei gegrüßt Dejan. Was erfreut dich so?«

Das Laub der Bäume und Büsche bewegte sich und wurde zu Dejan, dem Leschi dieses Teils des Mydwalds. Oder zumindest sah es so aus. In Wirklichkeit war es umgekehrt, weil Dejan sein Äußeres seiner Umgebung perfekt anpassen konnte, also er zum Wald wurde. Aber auch so sah er mehr wie ein knorriger Baum aus oder wie ein Busch, wenn es ihm gerade mehr behagte, mit seiner rindenartigen Haut und dem Moos und den Blätterhaaren.

»Sei gegrüßt Emma Wolfohr. Hier sind zwei Menschlinge unterwegs und einer ist sehr großzügig mit seinen Geschenken an meinen Wald.«

Leschi waren Hüter des Waldes, humanoide Baumwesen. Nicht unbedingt Monster, obwohl sie schnell dazu werden konnten, wenn ihr Wald bedroht wurde. Aber selbst dann verließen sie sich mehr auf Hinterlist als auf rohe Gewalt und zogen es vor, die Feinde ihres Waldes in Schluchten stürzen zu lassen, oder vor die Höhle eines Monsters zu locken. Für Dejan waren die Hinterlassenschaften Edgars Geschenke, das sie seinen Wald düngten.

»Kannst du mir sagen, wo die zwei jetzt sind?«

»Sie sind an der großen Eiche vom Fällerweg abgekommen und folgen jetzt einem Dachsweg. Ich denke, sie werden bald beide ein Geschenk für meinen Wald sein. Dort treibt sich nämlich ein Bauk herum.«

»Verdammt« sagte Emma.

Es war ein Wunder, dass die beiden nicht schon früher vom Weg abgekommen waren, der Fällerweg war für jemanden, der ihn nicht kannte, nicht einfach zu folgen. Er wurde nicht viel benutzt und war an vielen Stellen verwachsen. Aber dass sie gerade an einer Stelle vom Weg abkamen, an der sich ein Bauk herumtrieb, war ausgesprochenes Pech. Denn Bauks gehörten zur Lauf-so-schnell-du-kannst Kategorie von Monstern.

»Vielen Dank für deine Hilfe. Ich hoffe du bist nicht böse, wenn ich versuche die beiden davor zu bewahren.«

»Ob die beiden oder der Bauk, mein Wald bekommt Dünger«, sagte Dejan, bevor er mit einem lachenden Blätterrascheln wieder mit dem Wald verschmolz.

Eine knappe halbe Stunde später stieß Emma auf einen kreidebleichen Rotrock, der stöhnend am Wegrand hockte und sich den Bauch hielt.

»Edgar, nehme ich an?«

»Ja, woher wisst ihr …«

Bevor er den Satz beenden konnte, ertönte ein lautes Gurgeln aus der Gegend seines Bauches und er verschwand hinter den Büschen. Geräusche erklangen, die auf eine explosionsartige Entleerung hindeuteten, begleitet von Gejammer.

»Sagt mir nur wo Klaas der Steuereintreiber ist.«

»Weitergegangen um Hilfe zu finden«, ertönte Edgars leidende Stimme hinter den Büschen.
»In Ordnung. Bleibt hier und rührt euch nicht.«

»Ha, als ob ich könnte«, sagte Edgar gefolgt von einem weiteren Stöhnen.

Emma befand, dass er momentan nicht in unmittelbarer Gefahr war und folgte dem Dachspfad vorsichtig weiter. Schon nach ein paar Minuten konnte sie den feucht fauligen Geruch des Bauks wahrnehmen. Sie verließ den Weg und glitt mit dem Geschick eines Wolfes auf der Pirsch durch das Unterholz, bis sie den Bauk sehen konnte, der unter einem großen Ahornbaum stand und nach oben blickte. Oben im Baum kauerte am ganzen Körper zitternd ein Mann, mehr gekleidet für einen Spaziergang über den Markt in der Stadt als für eine Wanderung durch den Mydwald. Oder er war es einmal gewesen. Er hatte einen seiner polierten Lederschuhe verloren und der Rest seiner Kleidung hatte Risse und jede Menge Flecken von Moos, Gras und Erde.

Bauks waren Monster der alten Schule, fast zwei Meter groß und von einer unnatürlichen Dunkelheit umgeben, die ihre Konturen verbarg und veränderte und sie bedrohlicher wirken ließen, als sie waren. Wobei sie auch ohne die Dunkelheit nicht unbedingt Freundlichkeit ausstrahlten. In einem Kampf waren sie so gefährlich wie ein wütender Schwarzbär.

Der Bauk weidete sich an der Angst des Steuereintreibers und achtete nicht auf seine Umgebung. Emma nahm mit geübten Bewegungen die Armbrust vom Rücken und spannte sie. Der Bauk grollte kehlig und seine roten Augen blitzten aus der wabernden Dunkelheit, um noch ein bisschen Furcht aus dem Steuereintreiber herauszuquetschen. Bauks töteten und fraßen ihre Beute, aber erst jagten sie ihr so viel Angst wie möglich ein. Sie waren der Meinung, dass das Fleisch ihrer Opfer dann besser schmeckte. Der Steuereintreiber hatte das Ende der Furchtskala erreicht zu haben und saß völlig erstarrt und leise wimmernd an den Stamm geklammert auf einem Ast.

Emma legte den Pfeil in die Armbrust, als der Bauk seine Klauen in den Stamm schlug und begann, den Ahornbaum zu erklettern. Der Steuereintreiber erkannte, dass der Bauk entgegen seiner Annahme klettern konnte, und reagierte mit einen Schrei reinster Panik und dann teilte er das Schicksal Edgars, ganz ohne Abführmittel.

Emma zielte, atmete aus und drückte ab. Der Bolzen flog und durchbohrte den Hals des Bauk von hinten. Der sackte mit einem Gurgeln in sich zusammen, blieb aber am Baum hängen, da seine gebogenen Klauen tief in Stamm eingedrungen waren. Emma verstaute ihre Armbrust wieder am Rücken und näherte sich vorsichtig. Die wabernde Dunkelheit um den Bauk schrumpfte zusammen, bis er nur mehr ein großer zotteliger Fellsack mit langen Gliedmaßen war. Er verströmte immer noch einen feucht fauligen Geruch, aber die Aura der andersweltlichen Bedrohung, die ihn umgeben hatte, war verschwunden.

Emma kletterte den Baum hoch und hebelte mit ihrem Messer die Klauen des Bauks aus dem Stamm, dessen Körper darauf hin zu Boden plumpste. Sie sah hoch zu dem Steuereintreiber, der noch immer am ganzen Körper zitternd im Geäst hockte und den Stamm des Ahorns umklammerte.

»Wartet, bis ihr euch beruhigt habt und kommt dann nach unten. Nicht dass ihr beim Runterklettern vom Baum fallt.«

Emma sprang zu Boden und begann das Fell des Bauks abzuziehen. Richtig bearbeitet war Baukleder eines der leichtesten und strapazierfähigsten Leder und sein Gewicht in Silber wert. Dann entnahm sie dem Kadaver die Zähne, die bei Pfeilmachern gesucht waren, und die Klauen, aus denen Sicheln gefertigt wurden, die nie stumpf wurden. Zuletzt machte sie sich daran, den Runkstein aus der Stirn des Bauks zu brechen, was eine mühsame und ekelhafte Tätigkeit war. Aber Alchemisten zahlten für einen Runkstein alleine soviel wie Zähne, Klauen und Leder zusammen einbrachten.

Irgendwann, während Emma den Bauk bearbeitete, kam der Steuereintreiber heruntergeklettert und verschwand im Gebüsch, um die Spuren seines Verdauungsunglücks so gut es ging zu beseitigen. Dann kam er wieder zurück und hockte sich an den Stamm gelehnt hin.

»Vielen Dank für Euer Eingreifen. Ich war sicher ich würde sterben.«

»Ihr hattet Glück, dass ich euch noch rechtzeitig gefunden habe. Was habt ihr euch dabei gedacht, alleine im Mydwald herumzulaufen? Seid ihr lebensmüde oder nur unglaublich dumm?«

Der Steuereintreiber sagte erst nichts und dann: »Unglaublich dumm offenbar. Ich hätte mich über die Gefahren hier informieren sollen. Es ist nur, ich habe noch nie so eine Kreatur gesehen. So etwas gibt es nicht, wo ich herkomme.«

»Aber ihr habt schon gewusst, dass der Mydwald im Ruf steht, eine sehr gefährliche Gegend zu sein, oder?«

»Ja, aber das Mondscheinviertel in der Hauptstadt hat auch den Ruf sehr gefährlich zu sein, und dort kann man sich trotzdem in Begleitung von ein oder zwei Stadtwachen gefahrlos bewegen.«

»Der Unterschied ist, die Gauner im Mondscheinviertel können niemanden buchstäblich mit Blicken töten oder mühelos den Arm ausreißen. Abgesehen davon, dass Edgar als Wache zur Zeit so nützlich ist wie ein leerer Sack Kartoffeln.«

»Mh. Was macht ihr da? Warum habt ihr dem Ding das stinkende Fell abgezogen? Und die Zähne und all das?«

»Weil all das eine Menge Geld wert ist. Ihr seid doch hier um Steuern einzutreiben, oder?«

»Ja. Woher wisst ihr dass?«

Emma ignorierte die Frage, deutete auf die Dinge, die sie dem Bauk entnommen hatte und sagte: »Der Erlös aus dem Verkauf dieser Dinge deckt die Unterhaltskosten der Burg für über einen Monat. Ihr könnt sie haben, wenn ihr im Gegenzug dafür versprecht, den Mydwald umgehend zu verlassen und dem Prinz zu berichten, dass es sinnlos ist zu versuchen hier Steuern einzutreiben.«

Klaas überlegte nicht mal drei Sekunden. Seine bisherigen Versuche, Steuern einzutreiben waren nicht von Erfolg gekörnt gewesen und außerdem war ihm in der letzten Stunde sehr klar geworden, dass der Mydwald tödlich gefährlich war.

»Einverstanden.«

»Gut. Eins noch: Tragen dürft ihr das Zeug selber«, sagte Emma.

Drei Tage später saß Emma wieder mit Mervyn im stolpernden Esel.
»Ihr habt ihm die ganze Ausbeute geschenkt?«, fragte Mervyn ungläubig.
»Es schien mir die einfachste Lösung zu sein, ihn von seinem Vorhaben ab- und aus dem Mydwald zu bringen.«

»Mh. Ich hoffe nur, der Erlös reicht, damit der Prinz seine Schulden bei Papa begleichen kann und er endlich wieder von hier verschwindet. Ich vermisse meine Fensterbank im Südturm. Um diese Jahreszeit ist sie der perfekte Ort um sich zu sonnen.«

Zur selben Zeit beendete Klaas auf der Burg seinen Bericht vor dem Prinzen, der ihm interessiert zugehört hatte, während er an seinem Weinglas nippte.
Als Klaas fertig war, sagte Prinz Jerome Justin: »Ein einziges Vieh aus dem Mydwald reicht, um die Hälfte meiner Schulden bei Papa zu begleichen? Das ist ja genial. Wir machen eine Jagdexpedition, so zwei, drei Wochen, bringen ein paar Viecher um, weiden sie aus und können dann ein Jahr lang in Saus und Braus leben. Findet diese Jägerin und bringt sie her. Die nehmen wir mit, damit sie uns sagen kann, welche Teile der Viecher wertvoll sind. Das wird ein Spaß!«

ENDE