Der Steuereintreiber im Monsterwald (Teil 4)
Nach mehreren Fällen, bei denen von Kräuterfrauen verabreichte Heilmittel nicht den versprochenen Effekt sondern einen gegenteiligen hatten, erließ König Grübelbart ein Gesetz, dass besagte, dass sich alle Kräuterfrauen registrieren lassen und eine jährliche Abgabe zahlen mussten. Die Abgaben wurden dazu verwendet, die Hinterbliebenen zu entschädigen, wenn ein Heilmittel mal wieder die gegenteilige Wirkung hatte. Grübelbarts Gesetz gilt als das früheste Beispiel einer Versicherung gegen ärztliche Kunstfehler.
Nach Grübelbarts Tod verfügte sein Sohn Wickelbart, dass fünfzig Prozent der eingehobenen Abgabe als Aufwandsentschädigung für die Verwaltung der Abgaben an die königliche Schatzkammer abzuführen waren. Wickelbarts Gesetz gilt keineswegs als frühestes Beispiel für Politikerkorruption.
Geschichte der Gesetze und Erlässe des Königreichs Hochstein, von Topher Telius
Waldrun Giersch als Kräuterfrau zu bezeichnen war wie Brennnesseln Nahrungsmittel zu nennen: Im Prinzip richtig, aber trotzdem unzutreffend. Man konnte Brennnesseln zu Spinat verarbeiten, wenn man wusste, was man tat, ebenso wie man die Salben und Tinkturen, die Waldrun herstellte, als Heilmittel einsetzen konnte, wenn man wusste, was man tat. Wusste man es nicht, war ein brennender Ausschlag noch das harmloseste Ergebnis.
Waldrun residierte in einem der alten Wachtürme im tiefen Mydwald, dort wo er in den Urmydwald überging. Die Wachtürme waren schon seit langer Zeit nicht mehr besetzt, zumindest nicht von Soldaten. Jetzt dienten sie einzelnen Bewohnern als Behausung oder als Unterschlupf für Jaeger, Fallensteller und Kräutersammler. Waldruns Turm war einer der bekanntesten, was seiner Bewohnerin geschuldet war. Aus demselben Grund war auch der Fuhrweg zwischen Tannhaus und ihrem Turm vergleichsweise gut in Stand gehalten. Als Emma am nächsten Tag bei Sonnenaufgang aus Tannhaus aufbrach, folgte sie aber nicht dem Fuhrweg. Sie kannte Waldrun gut, wie alle Jaeger, und sie fürchtete, dass Waldruns Persönlichkeit und Klaas Auftrag schnell zu einem Konflikt führen würden, wenn sie nicht schon geführt hatten. Sie ließ Merle in Tannhaus zurück und machte sich zu Fuß auf den Weg.
Der Fuhrweg war zwar vergleichsweise sicher und gut in Stand gehalten, machte aber einen mehrere Kilometer langen Umweg um eine tiefe Schlucht zwischen Tannhaus und dem Wachturm zu umgehen. Das Umgehen der Schlucht war nötig, da Brücken im Mydwald eine schlechte Idee waren, selbst wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, eine zu errichten. Brücken im Mydwald waren so sinnvoll, wie Salatbeete neben einer Schneckenfarm. Wobei die Schnecken in diesem Vergleich für Trolle standen.
Mit einem Maultier oder einem Fuhrwerk konnte man Waldruns Turm von Tannhaus aus in knapp einem Tag über den Fuhrweg erreichen. Aber zu Fuß und wenn man gute Nerven hatte, gab es einen deutlich kürzeren Weg, der einen in etwas mehr als zwei Stunden zum Turm brachte.
Wobei das Wort ›Weg‹ in diesem Zusammenhang bei allen Leuten außerhalb des Mydwalds als maßlose Übertreibung angesehen worden wäre. Der Weg bestand aus einem Netzwerk aus sich kreuzenden Wildpfaden und jemand ohne Emmas Erfahrung und Orientierungssinn hätte sich schon nach einer Viertelstunde hoffnungslos verlaufen. Emma kam gut voran, bis sie zu der umgestürzten Eiche kam, die die schnelle Überquerung der Schlucht ermöglichte. Vorausgesetzt man war schwindelfrei und hatte einen sicheren Tritt. Und wenn sich nicht gerade mitten auf dem Stamm eine Bargenkatze zusammengerollt hatte und ein Schläfchen hielt.
Bargenkatzen waren nicht besonders groß und nicht besonders gefährlich, zumindest im Vergleich zu anderen Einwohnern des Mydwalds. Und im Normalfall waren sie nicht aggressiv. Aber wenn man sie im Schlaf störte, verwandelten sie sich in reißende Furien, die sich sogar mit Eulenbären anlegten. Und den Kampf gewannen. Aber Emma hatte Glück, der Wind wehte in Richtung der schlafenden Bargenkatze. Sie nahm ihren Rucksack ab und zog aus seinen Tiefen ein faustgroßes, in gewachsten Stoff eingewickeltes Etwas. Bevor sie es auswickelte, spaltete sie mit ihrem Messer ein kurzes Stück eines Astes und klemmte es sich auf die Nase. Der Inhalt des Paketes stank für normale Nasen erbärmlich, für Emmas weitaus feinere und empfindsamere Nase war der Geruch so unerträglich, dass ihr speiübel wurde, wenn sie sich nicht schützte.
Sie wickelte den übelriechenden Brocken aus hartem alten Wenkenkäse aus. Der Brocken war nicht mehr sehr groß, also verzichtete sie darauf, ein Stück herunterzuschneiden und legte den ganzen Brocken etwa zwanzig Meter seitlich vom Ende des Baumstamms in die Farne. Dann zog sie sich ein Stück in die Gegenrichtung zurück und verschmolz mit dem Wald.
Sie musste nicht lange warten. Die Nase der Bargenkatze begann im Schlaf zu zucken und ein paar Minuten später dehnte und streckte sie sich und trabte dann gemütlich über den Baumstamm und in Richtung des Käsebrockens. Kurz darauf ertönte genussvolles Schmatzen. Emma bewegte sich mit ruhigen Bewegungen in Richtung des Baumstammes. Der Kopf der Bargenkatze tauchte kurz über den Farnen auf, verschwand aber gleich drauf wieder und das Schmatzen setzte sich fort. Emma überquerte den Baumstamm.
Eine halbe Stunde später stand sie vor dem Wachturm, in dem Waldrun residierte. Die Wachtürme waren ursprünglich alle drei Stockwerke hoch errichtet worden. Das unterste Stockwerk war aus Stein gemauert, die übrigen Stockwerke waren aus Holz. Der Turm, in dem Waldrun residierte, hatte die beiden obersten Stockwerke verloren, sodass er jetzt weniger wie ein Turm und mehr wie eine kleine Hütte aussah. Unbestätigten, aber nicht unwahrscheinlichen Gerüchten zu Folge, war Waldrun selbst mit ihren Experimenten für den Verlust der beiden obersten Stockwerke verantwortlich. Ob die Gerüchte stimmten oder nicht, auf jeden Fall benützte Waldrun jetzt eine neu errichtete Holzhütte am Rande der Lichtung als Labor. Entweder, um nicht den letzten Rest des Turms durch ein Feuer oder eine Explosion zu verlieren, oder weil die Gerüche und Dämpfe, die während ihrer Experimente entstanden, oft alles andere als angenehm waren.
Wäre Waldrun ein Mann gewesen, hätte die Alchemistengilde sie mit Freuden in ihren Reihen aufgenommen. Aber sie war eine Frau, und das Frauen nicht wissenschaftlich arbeiten konnten, war das einzige Naturgesetz, dass auch der durchgeknallteste Alchemist nicht in Frage stellte. Also lebte sie alleine im Wald und führte dort ihre Experimente durch und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Kräuterfrau. Sie versorgte die Mydwalder mit allerlei Mittelchen und Tinkturen, nicht wenige davon einzigartig in Ihrer Wirkung, um ihre Experimente zu finanzieren. Außerdem verkaufte sie einer ausgewählten Klientel das beste Rauchkraut weit und breit.
Emma sah, dass heiße Luft über dem gemauerten Kamin der Laborhütte flimmerte, also klopfte sie an die Türe des Labors statt an die Türe des Turmrestes. Die Tür wurde geöffnet und Waldrun stand vor ihr.
»Was ist jetzt schon wieder? Oh du bist es. Brauchst du frisches Feuerkäferextrakt?«
Ihr erster Satz, und der dazu zur Schau getragene genervte Gesichtsausdruck, bestätigten Emma auch ohne Fragen, dass Klaas hier gewesen.
»Hallo Waldrun. Nein ich bin auf der Suche nach dem Steuereintreiber. Ich nehme an, er war hier?«
»Du suchst den Steuereintreiber? Hast du dir den Kopf gestoßen? Einen Wargenfurz eingeatmet?«
»Es geht mir gut. Ich werde dafür bezahlt ihn zu suchen. Deinem Gesichtsausdruck nach war er hier?«
»Ja, leider. Er ist heute morgen von hier aufgebrochen.«
»Wohin?«
»Den Fällerpfad entlang zum Lager der Karohemden.«
»So sehr hast du dich über ihn geärgert?«
»Er wollte wissen, ob ich ihm potentielle Steuerzahler in der Nähe nennen kann. Das habe ich getan. So wie ich das sehe, kann das nur gut ausgehen. Entweder er oder die Karohemden zahlen drauf. Was für mich beides ein akzeptabler Ausgang ist.«
»Wenn er es bis zum Karohemdenlager schafft und sich nicht verirrt. Der Fällerweg ist für jemand Unerfahrenen nicht einfach zu folgen.«
Waldrun zuckte mit den Schultern.
»Hast du Steuern bezahlt?«
»Ja und nein. Ich habe gezahlt und dann von ihm und seinem Begleiter dieselbe Summe für die Übernachtung verlangt. Er war nicht begeistert, aber gezahlt hat er. Aber ich habe ihm ein paar Tränke gegen morgendlichen Kater mitgegeben. Was er so erzählt hat, kann der neueste Graf von Rothfels die gut gebrauchen. Und ich hatte noch welche übrig, die bald ablaufen. Ich hab den beiden sogar noch ohne Aufpreis ein Süppchen zum Frühstück gemacht, bevor sie weitergezogen sind. Das erinnert mich: Du hast doch eine außergewöhnlich gute Nase, richtig?«
Emma nickte.
»Dieser Rotrock, den er dabei hatte, Edgar hieß er, war ziemlich ungehobelt. Nannte mich ein dummes Weib. Derlei Ausfälligkeiten kommen oft daher, dass diese Leute schlechter Laune sind weil sie unter einer Magenverstimmung leiden. Hab ich gehört.«
»Du hast ihm Abführmittel in die Suppe geleert?«
»Könnte sein«, sagte Waldrun. »Also wenn du die zwei wirklich finden willst und sie vom Weg abgekommen sind, kannst du einfach deiner Nase und der braunen Spur folgen. Und da sie vermutlich eher langsam vorankommen, hast du eine gute Chance, sie relativ schnell einzuholen.«
»Du bist eine echte Gefahr«, sagte Emma und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Nur für gewisse Leute. Der Steuereintreiber hatte zwar seltsame Vorstellungen davon, wie das Wirtschaftsleben ablaufen sollte, aber er war höflich. Dem geht’s gut. Oder ging es zumindest gut, als sie hier aufgebrochen sind.«
»Vielen Dank für deine Hilfe, dann mache ich mich wohl besser auf den Weg.«
»Lass dich nicht fressen und komm mal wieder vorbei, wir haben schon lange kein Teekränzchen abgehalten.«
»Ich sehe was ich tun kann. Spreng dich nicht in die Luft.«
»Nur gelegentlich meine Labore, niemals mich selber. Ich weiß was ich tue!«

