Der Steuereintreiber im Monsterwald (Teil 3)
Die Bewohner des Mydwalds sind ein ganz eigenes Völkchen. Obwohl die meisten von ihnen auch außerhalb des Mydwalds nicht auffallen würden, gibt es unter Ihnen einige Individuen, die etwa spitzere Ohren haben, oder erstaunlich dichte Körperbehaarung oder Fingernägel, die mehr an Klauen erinnern. Ihre Zahl ist groß genug, dass niemand einen zweiten Gedanken daran verschwendet, wenn er jemandem begegnet, der ein paar zusätzliche Brustwarzen hat, oder eine Nase, die mehr an Nüstern erinnert. Nicht alle Monster sind feindselig und es hat und wird immer Frauen und Männer geben, die ein wenig abenteuerlustiger sind, wenn es um entspannte soziale Begegnungen geht.
Gregorius Graubart, Professor für narrative Historik
Tannhaus war eine Siedlung am Rand zum tiefen Mydwald. Sie fungierte als Handelsposten für die Jäger, Fallensteller, Kräutersammler, Holzfäller und Köhler, die tiefer im Mydwald lebten und es vorzogen, der Zivilisation nicht zu nahe zu kommen. Die Siedlung wurde von einer massiven, mehr als mannshohen Palisade eingefasst, in die zwei Tore eingelassen waren. Das Zentrum der Siedlung bildete ein großes Langhaus mit Steinfundamenten. Es diente als Markthalle, Versammlungsort, Raststätte und Lagerhaus.
Emma versorgte Merle mit Wasser und Futter und betrat das Langhaus. Ein nicht sehr wohlriechendes Sammelsurium von Gerüchen traktierte ihre empfindliche Nase. Sie blieb kurz beim Eingang stehen, bis sich ihre Augen an das Dämmerlicht in der Halle gewöhnt hatten und ihre Nase taub geworden war. Dann sah sie sich um. Ein paar Leute saßen an den langen Tischen rund um die Kochstelle und aßen und tranken. Ein Fallensteller diskutierte bei einer der kleinen Fensteröffnungen mit einem anderen Tannhäuser über die aktuelle Preisentwicklung bei Nußhörnchenfellen. Zwei Beeren- und Kräutersammlerinnen saßen plaudernd in einer Ecke beieinander und rauchten nicht verkaufte Kräuterware in langstieligen Pfeifen.
Emma erblickte, was sie suchte, hinten in dem Teil der Halle, der als Schlaflager diente. Dort lag schnarchend ein einzelner Rotrock auf einem Stapel Heuballen. Sie setzte sich neben ihn und starrte ihn an.
Nun waren die Rotröcke alles andere als instinktsichere Kämpfer, verbrachten sie doch den größten Teil ihrer Dienstzeit damit, dekorativ herumzustehen oder durch die vergleichsweise sicheren Straßen von Rothfels zu patrouillieren. Aber selbst der abgestumpfte sechste Sinn des Rotrocks schlug unter Emmas Starren mit erstaunlicher Geschwindigkeit an. Er fuhr mit einem gegrunzten ›Argh‹ aus dem Schlaf hoch.
Gerade noch war er im Traum mit seiner Angebeteten über eine sonnenbeschienene Blumenwiese zu den Klängen eines Quartetts Geigen spielender Schafe getanzt, als plötzlich ein riesiger Wolf aus dem Wald der Wiese getreten war, der ihn mit rotglühenden Augen grimmig anstarrte.
Der Rotrock riss die Augen auf und stellte zu seinem Entsetzen fest, dass die Realität nur wenig besser war als sein zum Alptraum gewordener Traum. Sein Blick wanderte von Emmas Gesicht hinunter zu ihrer Mantelbrosche und sein Gesicht drückte überdeutlich aus, dass er wusste, wem er sich da plötzlich gegenüber sah.
»Guten Abend. Tut mir leid, wenn ich euch geweckt habe«, sagte Emma.
»Kein Problem, wirklich nicht. Kann ich etwas für euch tun?«
»Da ihr schon wach seid, fände ich es nett, wenn ihr euch ein wenig mit mir unterhaltet. Ich komme nicht so oft nach Rothfels und bin immer neugierig, was Geschichten aus der Stadt angeht. Oder was ein Rotrock hier ganz alleine mitten im Mydwald macht, Norbert.«
»Ihr wisst, wer ich bin?«
»Ja«, sagte Emma. Sie hielt es nicht für nötig ihm zu sagen, woher sie es wusste. Ihrer Erfahrung nach war es einfacher, Informationen von jemandem zu erhalten, der ein wenig verunsichert war. Oder noch besser sehr verunsichert.
»Ich bin mit einem Buchhalter aus Rothfels und einem Kollegen nach Tannhaus gekommen. Der Buchhalter soll im Auftrag des Grafen Steuern eintreiben.«
»Und wo sind die beiden jetzt? Haben die Tannhäuser sie aus dem Dorf gejagt?«
»Nein, nein. Er hat sein Begehren höflich Topher, dem Dorfältesten, vorgetragen. Der hat ihn ebenso höflich darauf aufmerksam gemacht, dass die Bewohner von Tannhaus keine Steuern abführen müssen, da Bürger nach dem Codex Grubarius nur dann Steuern zahlen müssen, wenn sich ein permanenter Vertreter der Lehnsherrschaft vor Ort oder in einem Umkreis von vier Ochsenwagen-Wegstunden aufhält. Und da es von hier nach Rothfels mindestens sieben Stunden sind …«
»Sieh an, das Gerücht scheint also wahr zu sein, dass der alte Topher in einer Anwaltskanzlei gearbeitet hat, bevor er sich mit dem Geld aus einer Erbschaft, die er hätte abwickeln sollen, in den Mydwald abgesetzt hat und hier Dorfältester geworden ist«, sagte Emma, halb zu sich selbst.
»Dazu kann ich nichts sagen«, sagte Norbert.
»Das erklärt aber nicht, warum ihr noch hier seid und der Buchhalter und euer Kollege nicht mehr.«
»Nun, Klaas, so heißt der Buchhalter, hat dem Dorfältesten recht gegeben, was die Steuerpflicht angeht. Er hat ihm dann aber erklärt, dass, laut dem Fall Gingel gegen Garunz, eine permanente Anwesenheit bereits nach zwei Wochen ununterbrochener Präsenz als gegeben gilt. Also würde er sich einfach für zwei Wochen hier einquartieren und die Steuern dann kassieren.«
»Ich nehme an, das hat beim alten Topher nicht unbedingt Freude ausgelöst.«
»Das nehmt ihr richtig an, Sera. Er hat im Gegenteil ziemlich finster geschaut. Und dann hat er Klaas vorgeschlagen, Tannhaus würde eine freiwillige Abgabe zahlen, aus Respekt und als Zeichen guten Willens und er würde ihm den Weg zu einer nicht registrierten Kräuterfrau weisen.«
»Er hat ihn zu Waldrun geschickt?«, fragte Emma ungläubig.
»Ich glaube, das war der Name der Dame.«
»Es scheint, der gute Klaas ist Topher wirklich auf die Nerven gegangen. Nun gut, aber warum seid ihr noch hier?«
»Um die freiwillige Abgabe zu bewachen, bis Klaas und mein Kollege wieder zurückkehren. Laut Abgabengesetzbuch darf eine beglichene Abgabe nicht unbewacht bleiben. Und da es ziemlich mühsam gewesen wäre, die Abgabe mit tiefer in den Wald mitzunehmen …«
»Was hat Tannhaus denn als Abgabe gezahlt?«
»Eine dreibeinige Ziege und ein blindes Huhn, sie sind draußen in der Pferch.«
»Und ihr seid hier herinnen. Befürchtet ihr nicht, dass jemand die Abgabe stiehlt?«
Norbert sah Emma stirnrunzelnd an, unsicher ob sie die Frage ernst meinte. Dann sagte er vorsichtig: »Nein?«
»Recht habt ihr«, sagte Emma zustimmend. »Wann ist Klaas in Richtung von Waldruns Hütte aufgebrochen?«
»Heute morgen, zusammen mit meinem Kollegen Edgar.«
»Mh, jetzt ist es schon zu spät um noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Waldrun zu kommen, hoffen wir mal, dass sie ihn nicht allzu sehr zurichtet. Aber er scheint ein höflicher Mensch zu sein, wenn auch unglaublich naiv, also sollte er relativ unbeschadet davonkommen. Was für ein Mensch ist euer Kollege Edgar?«
»Ein sehr eifriger?«
»Dann hoffe ich, dass Waldrun gute Laune hat«, sagte Emma und verabschiedete sich von Norbert, um zu Abend zu essen.

