Der Steuereintreiber im Monsterwald (Teil 2)
Durch den Mydwald zu reisen ist relativ ungefährlich, solange man zwei Regeln einhält: Die erste Regel ist, die große Oststraße nicht zu verlassen, die den Wald durchquert und Rothfels im Osten mit Krimsill im Westen verbindet. Die zweite Regel ist, eine gut gefüllte Reisekasse zu haben. Das hat zwei Gründe.
Erstens um jeweils rechtzeitig in einer der gut befestigten Raststätten Unterschlupf suchen zu können, sobald die Abenddämmerung herankommt. Die Raststätten befinden sich in regelmäßigen Abständen an der Oststraße und bieten Schutz vor den Gefahren der Nacht.
Zweitens um den geforderten Wegzoll an den fast ebenso regelmäßig wie die Raststätten vorhandenen Mautstellen bezahlen zu können. König Grübelbart hatte das ausufernde Problem mit Wegelagerei dadurch gelöst, dass er den Wegelagerern je ein Stück der Oststraße verpachtete, für das sie Maut einheben durften. Im Gegenzug waren sie für die Instandhaltung verantwortlich. Zwar war die Mauthöhe beschränkt, aber da jeder Maut jeder zahlen musste, waren die Einnahmen trotzdem höher als durch Wegelagerei. Abgesehen davon, dass das Einheben von Maut in den meisten Fällen ungefährlicher war als das Wegelagern.
Beringar der Barde
Der grunzende Eber war die erste Raststätte an der Oststraße, wenn man Rothfels in Richtung Krimsill verließ. Emma erreichte sie am Vormittag des nächsten Tages. Sie band ihr Maultier Merle an einen der dafür vorgesehenen Ringe an der Hauswand an und trat ein. Um diese Zeit waren die Gaststätten an der Oststraße leer, da die Reisenden versuchten, den Mydwald so schnell wie möglich zu durchqueren und nur abends in den Raststätten Zuflucht suchten. Wurstig der Wirt saß an einem der Tische, vor sich einen Humpen Dunkles stehen. Er war damit beschäftigt, Monster-Eckzähne zu polieren und sortieren, mit deren Verkauf als Souvenire er sich ein Zubrot verdiente. Jeder der Zähne hatte ein eigenes, fein säuberlich beschriftetes Fach in einem Setzkasten, der normalerweise hinter der Schank hing. Im Moment stand der Kasten vor Wurstig am Tisch, während er die jüngsten Neuerwerbungen reinigte und einsortierte.
Emma setzte sich zu ihm und sagte: »Jemand hat dich übers Ohr gehauen, das ist nicht der Eckzahn eines Eulenbären, sondern der einer Hirschgams mit Karies.«
Wurstig nahm den fraglichen Zahn in die Hand und betrachtete ihn durch das Monokel, dass er sich ins Auge geklemmt hatte: »Nicht das ich deine professionelle Meinung anzweifeln will, aber bist du sicher?«
»Sehr sicher, Eulenbärenzähne haben keine Wurzeln weil sie Auswüchse aus dem Schnabelknochen sind.«
»Verdammt. Bist du wegen etwas Bestimmten hier oder nur auf ein Bier?«
»Etwas Bestimmten, aber ein Bier nehme ich auch.«
Wurstig zapfte an der Schank einen Humpen für Emma, stellte ihn vor sie und setzte sich wieder: »Hier ist dein Bier. Was gibt’s?«
»Ich habe gehört, das ein Steuereintreiber im Mydwald unterwegs ist. War er hier?«
»Ha. Oh ja. Samt sechs Rothemden. Vier davon sitzen übrigens im Extrazimmer.«
Rothemden war der Spitzname für die Mitglieder der Rothfelser Wachen, der seinen Ursprung in ihren leuchtend roten Uniformröcken hatte. In Rothfels und Umgebung war es außerdem ein Ausdruck für Menschen, die hübsch anzuschauen, aber sonst nutzlos waren.
»Wie kommt’s?«
»Nun, der Sesselpolierer ist vorgestern hier hereingekommen und wollte meine Bücher sehen um meine Steuerschuld zu berechnen. Ich habe ihm höflich erklärt, ich hätte weder Bücher noch eine Steuerschuld irgendwem gegenüber.«
»Wie hat er reagiert?«
»Gar nicht mal so übel. Ich meine, er hatte die sechs Rotröcke dabei, er hätte versuchen können, mir zu drohen oder so. Nicht, dass ihm das was genutzt hätte. Aber er hat nur ruhig gefragt, wieso ich der Meinung sei, keine Steuern zahlen zu müssen. Also tatsächlich als Frage, nicht als Drohung. Ich habe ihm erklärt, dass die Raststätten an der Oststraße seit König Grübelbart dem Grübelnden von allen Steuern und Abgaben befreit sind, im Gegenzug müssen sie Reisenden während der Nacht sicheren Unterschlupf gewähren, ohne etwas dafür zu verlangen.«
»Wirklich? Das höre ich zum ersten Mal.«
»Oh ja, das stimmt. Ich habe sogar noch das Dekret, das mein Urgroßvater und all die anderen Wirte damals bekommen haben. Wir hängen es nur nicht an die große Glocke, schließlich wollen wir ja was verdienen. Und wir sind auch nur verpflichtet, sicheren Unterschlupf zu gewähren. Nirgends steht, dass er bequem sein muss. Und ganz sicher ist keine Verpflegung inkludiert.«
»Verstehe. Und wie hat er reagiert?«
»Er wollte das Dekret sehen, also hab ich es gesucht, was ein bisschen gedauert hat, und es ihm gezeigt. Das hat ihn zufrieden gestellt. Da es dann schon zu spät war, um weiterzureisen, haben sie die Nacht hier verbracht. Da er sich anständig verhalten hat, hab ich ihm sogar einen Nachlass auf die Zimmerpreise gegeben.«
Emma sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wurstig sah zur Seite, kratzte sich verlegen am Hinterkopf und sagte: »Der Nachlass war echt, nur der Ausgangspreis, von dem ich den Nachlass abgezogen habe, war ein ganz kleines bisschen höher. Wie auch immer, sie haben hier übernachtet und sind dann gestern Morgen wieder aufgebrochen. Ich habe ihre Unterhaltung beim Frühstück mitgehört. Nachdem bei den Raststätten an der Oststraße keine Steuern zu holen sind, hat der Sesselpupser beschlossen, sein Glück als Nächstes in Tannhaus zu versuchen.«
Die Oststraße verlief durch den südlichen Teil des Waldes. Von ihr zweigten mehrere Straßen und Wege nach Norden ab, die zu Dörfern und Siedlungen tiefer im Wald führten. Tannhaus war eine Siedlung, die etwa eine halbe Tagesreise nördlich im Wald lag. Noch nicht allzu tief im Wald, aber die Reise dorthin war doch gefährlicher, als wenn man auf der Oststraße blieb. Es gab auch Siedlungen tiefer im Wald, zu denen zu reisen dann wirklich gefährlich war. Und nicht nur wegen der Monster. Je tiefer im Wald eine Behausung lag, desto gesetzloser waren ihre Bewohner. Abgesehen davon, dass sie nicht immer menschlich waren.
Wurstig fuhr fort: »Fünf von den Rotröcken waren sehr offensichtlich nicht begeistert von der Idee des Sesselpolierers, der sechste schon. Der hat mich ein bisschen an Siegfried erinnert. Erinnerst du dich noch an Siegfried?«
»Nicht persönlich, das war vor meiner Zeit, aber ich kenne die Geschichte«, sagte Emma.
Siegfried war der Sohn eines Wirtes an der Oststraße gewesen und überzeugt davon, zu Größerem bestimmt zu sein. Zu Größerem zumindest, als eine Raststätte zu führen. Wobei der Rest seiner Familie zumindest in dem Punkt mit ihm übereinstimmte, dass er nicht dafür gemacht war, eine Raststätte zu führen. Schließlich hatte er schon Probleme damit, nur Wasser vom Brunnen zu holen, ohne über seine eigenen Füße zu stolpern.
Der Geschichte nach war er eines Tages in die Tiefen des Mydwalds aufgebrochen, um ein Held zu werden. Was dann geschehen war, darüber gab es eine ganze Anzahl unterschiedlicher Berichte. Die einen erzählten, er hätte durch reines Glück, indem er im richtigen Moment gestolpert war, ein Monster getötet, dass eine Fürstentochter entführt hatte. Die ihn dann aus lauter Dankbarkeit heiratete. Andere erzählten, er wäre von demselben Monster zum Frühstück verspeist worden, worauf das Monster sattgefressen eingeschlafen war und die Fürstentochter entkommen konnte, und ihm danach einen Gedenkstein errichten ließ. Wieder andere erzählten, er hätte sich einer Bande Wegelagerer und Strauchdiebe angeschlossen, die von einem um sein Erbe betrogenen Grafensohn angeführt wurden. Und so weiter. Was wirklich mit ihm geschehen war, wusste niemand, aber immerhin hatte sich sein Wunsch erfüllt, mehr als nur ein Gastwirt zu sein. Er war zur Legende geworden. Sogar zu mehreren.
»Wo war ich?«, sagte Wurstig, nachdem sowohl er als auch Emma in Gedanken an die vielen Geschichten über Siegfried versunken waren, was unweigerlich passierte, wenn jemand Siegfried erwähnte.
»Du wolltest mir erzählen, warum vier von den Rotröcken bei dir im Extrazimmer sitzen statt mit dem Steuereintreiber durch die Gegend zu stapfen.«
»Richtig, richtig. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung warum. Die vier sind gestern am frühen Nachmittag zurückgekommen und haben sich wieder hier einquartiert. Ich hab sie nicht gefragt, warum. Solange sie zahlen, ist mir das egal.«
Emma rieb sich mit der Hand über die Augen. Dann sagte sie: »Danke. Dann werde ich mich mal mit ihnen unterhalten.«
Sie nahm ihr Bier, stand auf und machte sich auf den Weg ins Extrazimmer. Wurstig zuckte nur mit den Schultern und setzte das Polieren seiner Eckzähne fort.
Die vier Rothemden saßen an einem Tisch, tranken Bier und spielten Karten, was genau das war, was Emma erwartet hatte, dass sie tun würden. Als sie eintrat, sahen die vier auf.
»Was glaubt ihr … Aua!«
Der Sprecher, der jüngste der vier, verstummte, als ihm sein Nachbar, der Veteran der Runde, gegen das Schienbein trat.
Der Veteran sagte: »Emma Uswald nehme ich an? Wir sind uns noch nicht begegnet, aber ich habe von euch gehört. Wie können wir behilflich sein?«
Emma ließ sich nicht anmerken, dass sie erfreut war, dass der Mann sie erkannt hatte. Das machte die Konversation einfacher, als wenn sie den vier erst hätte klarmachen müssen, dass sie tatsächlich eine Jaeger war. Was dann meist zu leichten bis mittelschweren Verletzungen aufseiten ihrer Konversationspartner führte. Die meisten Männer aus der Stadt neigten dazu, Argumenten von Frauen nur dann Beachtung zu schenken, nachdem man ihre Aufmerksamkeit mit ein wenig Schmerz geschärft hatte. Glücklicherweise gehörte zumindest einer der vier nicht zu der Sorte.
»Ich wünsche euch einen guten Tag. Ich brauche nichts, im Gegenteil, ich habe von Wurstig gehört, dass er Gäste hat, und wollte sehen ob ich behilflich sein kann. Schließlich ist es nicht ganz ungefährlich, durch den Mydwald zu reisen. Und es ist ungewöhnlich, dass es Wachen aus der Stadt tun. Was führt euch hierher?«
Der älteste war offenbar nicht so dumm, wie man es den Rotröcken nachsagte, und sagte: »Ich denke, ihr wisst bereits, warum wir hier sind, wenn Ihr mit dem Wirt gesprochen habt. Wir haben einen Buchhalter aus Rothfels begleitet, der die Steuerschuld der Einwohner des Mydwalds im Auftrag des Grafen feststellen und eintreiben soll. Leider ist mein Kollege hier gestern auf dem Weg nach Tannhaus unglücklich über eine Wurzel gestolpert und hat sich den Knöchel verstaucht. Da er nicht mehr ohne Hilfe weitergehen konnte, habe ich ihn gestützt und hierher zurückbegleitet.«
»Das war sehr freundlich von Euch«, sagte Emma. »Und Eure anderen beiden Kollegen?«
»Die haben uns begleitet. Da ich Max stützen musste, wäre ich nicht in der Lage gewesen, bei einem Angriff schnell zu reagieren, also haben uns die beiden zum Schutz begleitet. Wie Ihr selbst gesagt habt, das Reisen im Mydwald ist gefährlich. Und Paragraph sechzehn Abschnitt drei des Diensthandbuches sagt, dass Wachen, die Personenschutz leisten, immer zu zweit sein müssen.«
Der alte Rotrock hatte seine Antwort mit steinerner Miene vorgetragen und wartete auf Emmas Reaktion.
»Das war ein sehr umsichtiges und kluges Vorgehen von Euch. Sollte ich zufällig einmal den Burgvogt treffen, werde ich Euer Verhalten lobend erwähnen.«
Der alte Wachmann entspannte sich sichtlich und sagte: »Vielen Dank. Möchtet Ihr sonst noch etwas?«
»Der Buchhalter ist mit den restlichen beiden Wachen weiter nach Tannhaus gegangen?«
»In der Tat. Zumindest hatte er das vor, als sich unsere Wege getrennt haben. Ich hoffe, er ist gut angekommen. Er ist kein sehr erfahrener Reisender.«
»Und die beiden Wachen, die noch bei ihm sind?«
»Edgar ist ein sehr eifriger und strebsamer Kollege. Norbert ist ein guter Mann, aber bisweilen vom Pech verfolgt.«
Was wohl bedeutete, dass er den kurzen Strohhalm gezogen hatte, als die Rothemden untereinander ausgemacht hatten, wer von ihnen den verletzten Kollegen zurück in den Eber begleiten würde.
»Ich verstehe. Dann will ich euch nicht weiter aufhalten. Ich hoffe, euer Fuß heilt schnell wieder«, sagte Emma zu dem Jungen, dem der Alte gegen das Schienbein getreten hatte und überließ die Wachen wieder ihrem Spiel.
zu Teil 3

