Der Steuereintreiber im Monsterwald

Was den Mydwald angeht, gibt es mehrere Theorien unter den Gelehrten. Die einen sind der Meinung, dass das Gebiet des Mydwalds einst ein Schlachtfeld war, auf dem zwei mächtige Armeen von Magiern aufeinandertrafen, und dass die bei diesem Kampf freigesetzte Magie bis heute nachwirkt. Andere sagen, dass sich hier, bedingt durch seine abgeschiedene Lage, uralte Fauna und Flora erhalten hat, die es sonst – glücklicherweise – nirgendwo mehr gibt. Und zu guter Letzt gibt es ein paar Wirrköpfe, die der Meinung sind, der Mydwald läge am Rande einer anderen Realität und es gäbe Tore und Durchlässe, durch die alles Mögliche aus dieser in unsere Realität eindringen würde.

Was immer der Grund dafür ist, wissenschaftlich nachweisbarer Fakt ist: Der Mydwald ist voller Monster.

Gregorius Graubart, Professor für narrative Historik


Es war früher Nachmittag, als die Tür zur Gaststube des stolpernden Esels aufging. Hubert der Wirt hob gelangweilt den Kopf von der neuesten Ausgabe des Rothfelser Stadtboten, in der er gelesen hatte. Um diese Zeit kamen nur Bedienstete aus der Burg, um mit Mervyn dem Burgvogt zu sprechen, der seit ein paar Wochen sein Quartier aus der Burg in den stolpernden Esel verlegt hatte. Und die Bediensteten aus der Burg konsumierten zu Huberts Leidwesen nur selten etwas.

Die Frau, die eintrat, war mit Sicherheit keine Bedienstete der Burg. Sie trug einen schweren Kapuzenmantel, der irgendwann einmal rot gewesen war. Die Kapuze hatte sie aufgesetzt, sodass ihr Gesicht im Schatten verborgen war.

Leute, die an einem warmen Tag Kapuzen trugen, machten Hubert nervös. Das taten für gewöhnlich nur zwielichtige Gestalten, die nicht erkannt werden wollten. Oder, schlimmer, Heldinnen und Abenteurerinnen, die sich ein geheimnisvolles Flair geben wollten, und die waren Hubert ein Gräuel. Denn die neigten mit schöner Regelmäßigkeit dazu, Schlägereien zu beginnen, die dann meist mit zertrümmerter Inneneinrichtung endeten. Ja, meistens bezahlten sie diese dann großzügig, aber in Huberts Augen war das die ständige Mühe mit den Reparaturen und dem Beschaffen von Ersatz nicht wert. Er war Gastwirt. Er wollte sein Geld mit dem Verkauf von Speisen und Getränken verdienen, nicht mit dem Verkauf von Möbeln.

Dass die Frau, abgesehen von der Kapuze eine große Armbrust an einem Lederriemen auf dem Rücken trug, vergrößerte den Klumpen Nervosität, der sich in Huberts Magen breitmachte.

Die Fremde schloss die Tür und schlug mit einer präzisen Bewegung die Kapuze ihres Mantels zurück. Das Gesicht, das darunter zum Vorschein kam, hatte die dunkle Farbe feuchter Erde. Es war das Gesicht einer jungen Frau, wurde aber von schneeweißem Haar umrahmt, dass sie kurzgeschnitten wie ein Mann trug. Sie war fremdartig und gutaussehend und hätte sicher den einen oder anderen Pfiff der männlichen Gäste des stolpernden Esels ausgelöst, wenn welche da gewesen wären. Die Kundschaft des stolpernden Esels setzte sich zum größten Teil aus den Fuhrleuten und Handlangern des nahen Marktes zusammen und die waren nicht für ihre guten Manieren und tadellose Erziehung bekannt.

Glücklicherweise war es früher Nachmittag und die Gaststube bis auf den schlafenden betrunkenen Rob leer. Schlafend war in diesem Fall die Beschreibung seines Zustandes, während betrunken Teil seines Namens war. Solange der betrunkene Rob nicht in einem höchst ungünstigen Moment aufwachte, war die Gefahr von unangebrachten Pfiffen zum Glück gering. Hubert sah das als Zeichen, dass heute ein guter Tag war. Denn er war sich sicher, dass Pfiffe bei der Fremden nicht gut angekommen wären. Die zwei langen Narben auf ihrer linken Wange legten nahe, dass sie dazu neigte, Konflikte auf körperbetonte und damit mobiliarschädigende Art zu lösen.

Emma, so hieß die Fremde, war ihrerseits ebenso froh wie der Wirt, dass die Gaststube fast leer war. Sie hasste es, angestarrt zu werden. Und sie wurde unweigerlich angestarrt, sobald sie die Kapuze abnahm und ihre dunkle Haut und die weißen Haare zum Vorschein kamen. Weshalb sie es vorzog, die Kapuze zu tragen. Besser für eine zwielichtige Gestalt gehalten zu werden, oder im schlimmsten Fall für eine Abenteurerin, als angestarrt zu werden und die hinter vorgehaltenen Händen geflüsterten Bemerkungen hören zu müssen. Und dank ihres übermenschlich guten Gehörs hörte sie sie alle. Aber die Kapuze in der Gaststube aufzubehalten wäre auffälliger gewesen als ihr fremdartiges Aussehen. Das taten nur Prinzen, Prinzessinnen und Könige ohne Land, die sich unerkannt unters Volk mischen aber gleichzeitig jedem signalisieren wollten, dass sie königlicher Abstammung waren und man sie daher gefälligst mit Respekt behandeln sollte. Emma hatte gehört, dass es mittlerweile einen ganzen Kapuzencode gab, der je nach Farbe und Umrandung der Kapuze genaue Rückschlüsse auf das Geschlecht, die sexuellen Vorlieben und die gesellschaftliche Stellung des kapuzentragenden Adeligen zuließ.

Sie trat an die Theke und fragte den Wirt: »Wo finde ich Mervyn den Burgvogt?«

Der Blick des Wirtes fiel auf die Brosche, die ihren Mantel zusammenhielt. Sie war aus Silber und wie der Kopf eines Opossums geformt. Was zur Folge hatte, dass der schon nervöse Wirt noch nervöser wurde. Offenbar wusste er, dass die Brosche sie als Mitglied der Jaegergilde im Mydwald kennzeichnete. Sie konnte ihm die Nervosität nicht einmal übel nehmen. Die Mitglieder der Jaegergilde standen im Ruf, sehr schnell sehr gewalttätig zu werden, wenn sie sich provoziert fühlten. Bisweilen auch, ohne provoziert zu werden. Eine der bekanntesten Geschichten, die im Umlauf waren, war die von dem Jaeger, der in einem Gasthaus drei Männer – zugegeben gesuchte Verbrecher – ohne Zögern und ohne Vorwarnung kaltblütig umgebracht hatte, um die Aufmerksamkeit eines Königs zu erlangen. Emma kannte die Geschichte, aber ob sie sich wirklich so zugetragen hatte, wusste sie nicht. Sie stand, selbst unter ihren einzelgängerischen Kollegen, im Ruf, eine Eigenbrötlerin zu sein. Sie hatte nicht mehr Kontakt zu den anderen Jaegern als sonst ein beliebiger Bewohner des Mydwalds.
Die Geschichte mochte stimmen oder nicht, erfüllte aber auf jeden Fall den Zweck, der Jaegergilde Respekt zu verschaffen. Auch wenn es nur aus Furcht geborener Respekt war, in Emmas Meinung nur ein müder Abklatsch für echten Respekt, den man sich nur durch bewundernswürdiges Verhalten verdiente.

Der Wirt hob seinen Kopf wieder und sah ihr in die Augen. Statt auf die Frage zu antworten deutete er nur auf einen Tisch hinten in der Ecke der Gaststube, auf dem leise schnarchend der Burgvogt lag. Seine Hand zitterte dabei kaum.

»Danke«, sagte Emma. »Bringt mir bitte ein Bier.«

Sie ging zu Mervyns Tisch und setzte sich.

Mervyn öffnete die Augen und starrte Emma schlaftrunken an. Nach einer Weile erwachte auch der Rest von ihm. Er erhob sich, machte einen Buckel, streckte er sich ausgiebig mit hoch aufgerichtetem Hinterteil und setzte sich schließlich auf die Hinterpfoten, den Schwanz ordentlich um seine Beine gelegt.

Mervyn war schon so lange Burgvogt von Rothfels, dass sich niemand mehr darüber wunderte, dass er ein Kater war. So wie sich in Australien niemand mehr darüber wundert, wenn jemand Ananas auf seine Pizza legt. Gerüchten zufolge war Mervyn irgendwann einmal ein Mensch und selbst Graf von Rothfels gewesen. Was genau passiert war, dass er jetzt als Burgvogt diente und als Kater herumlief, wusste niemand mehr außer er selbst.
Das unter der Dienerschaft der Burg beliebteste Gerücht war, dass er sich gegenüber einem alten Mütterchen hartherzig verhalten hatte, das in Wirklichkeit eine mächtige Zauberin gewesen war. Zur Strafe hatte sie ihn darauf in ein scheußliches Biest verwandelt. Und erst wenn es ihm gelingen würde, als Biest wahre Liebe zu finden, würde er wieder seine menschliche Gestalt erlangen. Aber sie erzählten sich die Geschichte mit einem Augenzwinkern. Mervyn hatte zwar die Angewohnheit, faule Bedienstete mit Wadenbissen anzutreiben, aber eigentlich war er unter der Dienerschaft sehr beliebt. Und es war offensichtlich, dass er sich als Kater sehr wohl fühlte. Jedenfalls schien er keinerlei Bemühungen zu unternehmen, seine menschliche Gestalt wieder zu erlangen.

»Ah, die Jaegergilde hat meine Nachricht bekommen. Ihr seid?«, sagte Mervyn.

»Emma Uswald«, sagte Emma.

»Ich hatte erwartet, dass Andresch kommen würde.«

»Der hat sich vor drei Jahren aufs Altenteil zurückgezogen.«

»Sieh an, so schnell vergeht die Zeit. Nun gut. Ich bin Mervyn der Burgvogt.«

»Ich weiß. Warum seid Ihr im stolpernden Esel und nicht in der Burg?«

»Die Burg hat zur Zeit ein Problem mit Schädlingsbefall.«

»Welche Art Schädlinge? Habt Ihr deswegen die Gilde kontaktiert?«

»Ha, ich wünschte, es wäre so einfach. Nein, diese Schädlinge muss ich auf andere Weise wieder loswerden. Prinz Jerome Justin, den neuesten Grafen von Rothfels, und seine Bande von Speichelleckern einfach zu eliminieren, würde nur zu noch größeren Problemen führen.«

»Es stimmt also, was man sich in den Dörfern im Mydwald erzählt, dass das erste Mal seit wer weiß wie vielen Jahren einer der Grafen von Rothfels tatsächlich nach Rothfels gekommen ist?«

»Leider ja. Prinz Jerome Justin hat in Venell derart viel Schulden angehäuft, dass ihn sein Vater freikaufen musste. Die Veneller verstehen keinen Spaß, wenn es ums Geld geht. Entweder man zahlt oder man landet als Ware auf der nächsten Sklavenauktion. Papa war gar nicht glücklich mit seinem Sohn und hat ihm die Apanage gesperrt, bis die Schuldensumme ausgeglichen ist. Also ist dem Prinzen nichts anderes übrig geblieben, als nach Rothfels zu kommen, weil er sich sonst nirgendwo eine Unterkunft leisten kann. Und jetzt sitzt er mit seinen ebenso missratenen Freunden in meiner Burg.«

»Unerfreulich für Euch. Aber warum habt Ihr die Jaegergilde kontaktiert?«

»Das Steueraufkommen von Rothfels reicht gerade dafür, die Burg und die Stadtmauer zu erhalten und die Bediensteten und Wachen zu entlohnen. Da Jerome Justin so schnell wie möglich wieder von hier weg will, haben er und seine Kumpane angefangen zu überlegen, wie sie rasch an Geld kommen könnten. Dann könnte er die Schulden bei Papa zu begleichen und sich wieder ins Nachtleben von Venell stürzen.«

Mervyn machte eine Pause, da Hubert an den Tisch kam und Emmas Bier und eine frische Schüssel Milch für ihn brachte.

»Danke Hubert«, sagte Mervyn und begann die Milch zu schlabbern.

»Prost«, sagte Emma und trank von ihrem Bier.

Nachdem Mervyn seinen Durst gestillt und sein Maul mit einer selbst für einen Kater erstaunlich langen Zunge sauber geleckt hatte, fuhr er fort: »Diese Geldfindungs-Besprechungen sind drei Wochen lang ergebnislos verlaufen, sieht man davon ab, dass sie dabei den Weinkeller ziemlich geleert haben. Aber einer der Saufkumpane des Prinzen hat Ökonomie auf der Universität studiert. Während die anderen ihre Besprechungen abgehalten haben, sprich den Weinkeller geleert haben, hat er sich die Steuerbücher von Rothfels bringen lassen. Und hat so herausgefunden, dass die Bewohner des Mydwalds keine Steuern zahlen. Also hat er dem Prinzen vorgeschlagen, dort Steuern einzutreiben. Offiziell gehört der Mydwald ja zur Grafschaft Rothfels. Dem Prinzen hat die Idee gefallen, vor allem, weil er selber damit keine Arbeit hat. Also hat er Klaas, so heißt das junge Finanzgenie, zusammen mit sechs Wachen losgeschickt, um in den Siedlungen des Mydwalds Steuern einzutreiben.«

»Steuern eintreiben. Im Mydwald.«

Emma schüttelte den Kopf und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Bier. Sie stellte den Humpen vorsichtig wieder ab und fragte: »Wachen von hier?«

»Ja.«

»Wie hat er Klaas und vorallem die Wachen dazu gebracht?«

»Klaas war einfach. Der ist ein studierter Idiot von der Universität. Soll heißen jede Menge theoretisches Wissen über Ökonomie im Kopf und absolut keine Ahnung von der Realität im Allgemeinen und vom Mydwald und seinen Besonderheiten im Besonderen. Im Vergleich zum Rest der Kumpane des Prinzen ist er nicht mal so übel. Sehr naiv, aber nicht schon nur aus Prinzip ein fauler Mistkerl. Ich denke, er hat es als gute Gelegenheit gesehen, seine theoretischen Kenntnisse in Ökonomie in der Praxis einzusetzen. Oder so in die Richtung. Was die Wachen angeht: eine der Wachen, Edgar hat sich freiwillig gemeldet. Er ist dumm wie Bohnenstroh und der Meinung, dass er Führungsmaterial ist. Er hofft wohl, den Prinzen zu beeindrucken und einen Karrieresprung zu machen. Den Rest der Wachen hat der Prinz vor die Wahl gestellt, entweder den Befehl auszuführen, oder ihre Arbeitsverhältnisse wegen Dienstverweigerung permanent aufzulösen.«

Mervyn deutete mit seiner Pfote einen Henkersstrick um seinen Hals an.

»Verstehe. Aber das erklärt immer noch nicht, warum Ihr nach einem Jaeger geschickt habt.«

»Ich will, dass Ihr die Wachen und Klaas, wenn Ihr shon dabei seid, wieder lebend zurückbringt. Die Wachen können nichts dafür, dass der Prinz ein Idiot ist. Oder Edgar und Klaas dafür, dass sie selber welche sind.«

»Wenn die Wachen klug sind, desertieren sie, sobald sie ein Stück von der Stadt entfernt sind. «

»So einfach ist es nicht«, sagte Mervyn. »Sie haben alle Familie in Rothfels. Und selbst wenn sie es tun, wäre nichts damit gewonnen. Der Prinz würde einfach neue Leute losschicken. Oder noch schlimmer, vielleicht sogar selber aufbrechen.«

»Ich sehe nicht, warum das schlimmer wäre«, sagte Emma.

»Was denkt Ihr, wird passieren, wenn der Prinz im Mydwald verloren geht?«

»Keine Ahnung. Der König gibt den Grafentitel einem seiner anderen Söhne oder Neffen?«

»Ja, aber zuerst wird er wissen wollen, was mit Jerome Justin passiert ist. Und wenn er erfährt, dass ich zugelassen habe, dass der Idiot Selbstmord begangen hat, indem er in den Mydwald marschiert ist um Steuern einzutreiben, dann ist es mein Kopf, der in einer Schlinge endet.«

»Ich kann verstehen, dass Ihr das vermeiden wollt. Aber wieso glaubt Ihr, dass Andresch Euch geholfen hätte? Andresch war immer sehr traditionell eingestellt: Jaeger beschützen die Einwohner des Mydwalds vor Monstern, nicht Monster, auch wenn es nur ein Steuereintreiber ist, vor den Einwohnern.«

»Andresch war mir einen Gefallen schuldig. Und ich wollte ja nicht, dass er gegen die Einwohner kämpft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Klaas und die Wachen nicht offen angreifen werden. Aber sie werden sie ein wenig im Kreis schicken, und wenn das nichts hilft, tiefer in den Wald. Tief genug, dass sie auf echte Monster treffen.«

»Ihr wolltet also, dass er Klaas und dem Rest unauffällig folgt und eingreift, wenn sie in Schwierigkeiten mit einem Monster geraten?«

»Genau. Aber da Andresch nicht mehr arbeitet und Ihr mir keinen Gefallen schuldet: Kann ich euch etwas anbieten, damit Ihr die Aufgabe übernehmt?«

Emma sage nichts und überlegte. Dann sagte sie: »Ich wüsste nicht, was.«

»Wie wäre es, wenn ich Euch dafür einen Gefallen schulden würde?«

Emma starrte den großen schwarzen Kater mit dem weißen Dreieck auf der Brust und den weißen Vorderpfoten gedankenvoll an. Ein Gefallen des Burgvogts von Rothfels hatte durchaus Wert. Und ihr fiel gerade auf, dass Mervyn, wie er so dasaß, aussah, als würde er einen schwarzen Anzug tragen und weiße Handschuhe.

»Einverstanden. Ihr schuldet mir einen Gefallen und ich sorge dafür, dass Klaas und seine Begleiter unversehrt zurückkehren, wenn es nicht schon zu spät dafür ist. Aber überlegt Euch lieber schon, was Ihr tun werdet, wenn sie unverrichteter Dinge und ohne Steuern zurückkommen. Denn im Mydwald tatsächlich Steuern einzutreiben würde nicht einmal eine Armee zustande bringen.«

»Als ob ich das nicht wüsste«, seufzte Mervyn.

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